Was mich meine eigenen Umbrüche über das Leben, das Loslassen und den nächsten Schritt gelehrt haben
Ein Wendepunkt kündigt sich selten an. Er zeigt sich erst im Rückblick – als der Moment, an dem etwas Altes endete und etwas Neues seinen Anfang nahm, auch wenn wir das damals noch nicht wussten. Im Verlauf meines Lebens gab es, wie bei jedem von uns, solche Momente. Manche kamen leise, andere mit voller Wucht. Hier sind einige davon – und was sie mir gezeigt haben.
Wendepunkte haben viele Gesichter. Manche wählen wir bewusst, etwa einen Berufswechsel. Manche zwingen sich uns auf, weil ein Projekt scheitert oder eine Beziehung zerbricht. Und manche kommen ganz plötzlich von aussen, ohne dass wir sie kommen sehen: ein Unfall, eine schwere Diagnose, ein traumatisches Erlebnis – oder auch die Geburt eines Kindes, die von einem Moment auf den anderen alles neu gewichtet. In meiner eigenen Geschichte waren es vor allem die ersten beiden Formen und die Geburten meiner Kinder, die mich geprägt haben. Doch die Fragen, die ein Wendepunkt aufwirft, sind meiner Erfahrung nach immer dieselben – unabhängig davon, wie er zu uns kommt.
Die ersten Weichenstellungen
Ein erster grosser Wendepunkt kam für mich in der Militärzeit, mit etwa 19 Jahren. Damals erkannte ich, dass ich viel lieber direkt mit Menschen arbeiten wollte als in meinem Erstberuf als diplomierter Textilchemikant. Ich wechselte in den Bereich der Psychiatrie, machte eine Ausbildung und arbeitete als diplomierter psychiatrischer Krankenpfleger – ein sehr erfüllender Beruf. Und doch entdeckte ich nach einiger Zeit, dass ich mehr wollte, als Menschen zu betreuen und zu pflegen. Ich wechselte in die Drogentherapie und begann, als Therapeut zu arbeiten, während ich berufsbegleitend eine therapeutische Ausbildung absolvierte.
Nach etwa neun Jahren kam der nächste Wendepunkt: Ich machte mich selbstständig, baute ein Ausbildungsinstitut auf und absolvierte diverse Weiterbildungen im Bereich systemische Arbeit und Organisationsentwicklung. Parallel dazu vertiefte ich mich in transpersonale Psychologie und in körperorientierte, rituelle Zugänge – Wege, die mir zeigten, dass Veränderung selten nur im Kopf stattfindet. Sie muss auch im Körper, im Gefühl und im Handeln ankommen, sonst bleibt sie eine Idee.
Wenn Wendepunkte durch Scheitern kommen
Nicht jeder Wendepunkt ist eine bewusste Entscheidung. Manche werden uns aufgezwungen – durch das, was zerbricht.
Einer der einschneidendsten war das Scheitern eines Franchise, das ich zugekauft hatte. Ich hatte mich auf ein Geschäftsmodell eingelassen, das nicht zu mir und meinem Institut passte, und musste mit ansehen, wie es mein eigentliches Lebenswerk mit in den Abgrund zu reissen drohte. Ich brauchte Jahre, um mein Institut wieder aus den roten Zahlen herauszuführen – herausfordernde Jahre, die mich öfters zweifeln liessen, ob ich es schaffen werde oder ob es nicht vernünftiger wäre, mich anstellen zu lassen.
Auch andernorts kamen Wendepunkte über mich, statt dass ich sie wählte: Meine erste Ehe scheiterte. Meine zweite Ehe war nahe daran zu scheitern. Menschen aus meinem nahen Umfeld starben. All dies waren Momente, an denen es darum ging, innezuhalten und mich zu fragen, was diese Punkte in meinem Leben bedeuten.
Was ist mir wirklich wichtig? Inwieweit lebe ich meinen Werten, meinen Fähigkeiten und Talenten entsprechend? Lebe ich meine eigene Vision, folge ich meinem eigenen Traum – oder erfülle ich die Vorstellungen von jemand anderem?
Diese Fragen sind damals wie heute wichtig in meinem Leben. Sie sind für mich die Basis einer tiefen Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Aufgabe im Leben – gekoppelt an die existenzielle Frage, was mein Beitrag am Gelingen dieser Gesellschaft ist. Wozu bin ich hier? Was kann ich dazu beitragen, dass sich unsere Welt weiterentwickelt?
Diese Fragen begleiten wohl uns alle. Nur werden sie an Wendepunkten deutlicher sichtbar. Vielleicht kennst du das: Solange der Alltag rund läuft, lassen sich solche Fragen leicht aufschieben. Erst wenn etwas bricht oder endet, wird sichtbar, was darunterliegt.
Loslassen als Voraussetzung, nicht als Formsache
Irgendwann kam die Frage nach dem Fortbestehen meines Instituts. Ich suchte nach Nachfolgern und nahm mehrere Anläufe, das Unternehmen in jüngere Hände zu geben. Immer wieder kam die Rückmeldung, das Unternehmen sei zu stark auf mich als Führungsperson ausgerichtet.
Mit der Zeit lernte ich: Der Verkauf hatte weniger damit zu tun, wie ich das Institut bis dahin geführt hatte, sondern damit, inwieweit ich tatsächlich bereit war, es loszulassen. Ich hatte das Gefühl, längst bereit zu sein – und musste doch erkennen, dass es mehr Zeit brauchte, um wirklich loszulassen. Auch mit dem Gedanken, dass das Institut ganz geschlossen werden könnte, wenn sich niemand fand. Erst als ich an diesem Punkt tatsächlich ankam, fanden sich Käufer, die das Institut übernahmen und heute erfolgreich weiterführen.
Das ist eine Erfahrung, die ich seither in vielen Übergabeprozessen wiedererkenne: Die Struktur, der Prozess, die Verhandlung – all das ist lösbar. Was oft fehlt, ist die innere Bereitschaft, wirklich loszulassen. Und die lässt sich nicht erzwingen, nur begleiten.
Der Wendepunkt nach dem Wendepunkt
Dann kam der nächste: Ich hatte mein Institut verkauft, war pensioniert und freute mich auf die kommende Zeit.
In den ersten Monaten danach war ich sehr müde. Es war, als ob ich die ganze Spannung und Anstrengung der vergangenen Jahre als Unternehmer erst jetzt wirklich wahrnehmen und zulassen konnte. Ich entspannte mich und schlief viel. Manchmal fühlte es sich an wie eine Erschöpfungsdepression oder ein Burnout – aber das war es nicht. Es war vielmehr eine Zeit des Abschieds und einer Form von Trauer. Ich brauchte Zeit, um 33 Jahre als Institutsleiter zu verarbeiten und loszulassen.
Das ist mir wichtig festzuhalten, weil ich weiss, wie viele Unternehmerinnen und Unternehmer nach einer Übergabe oder Pensionierung genau dorthin geraten – und sich dann fragen, ob mit ihnen etwas nicht stimmt. Meiner Erfahrung nach ist es oft schlicht Trauer, die nicht als solche erkannt wird, weil sie nicht mit einem Todesfall verbunden ist, sondern mit dem Ende einer Lebensphase, einer Rolle, eines Teils der eigenen Identität. Viele Gespräche, Reflexionen und Coachings halfen mir in diesem Prozess. Genauso wichtig waren aber stillere, körperliche Formen der Verarbeitung – bewusste Abschiedsrituale, Zeit in der Natur, Praktiken aus meiner eigenen transpersonalen Ausbildung, die mir halfen, das Erlebte nicht nur zu verstehen, sondern wirklich zu verabschieden. Erst dieses Zusammenspiel brachte mich zu dem Punkt zurück, wo das Interesse an der Welt, an der Umwelt und Mitwelt wieder erwachte. Wo die Frage nach meinem Beitrag in dieser Welt wieder laut in mir wurde.
Nicht, weil ich etwas musste. Nicht, weil ich mich unnütz fühlte oder mir zuhause langweilig war. Sondern weil ich wieder in meine Kraft kam und mich fragte, welchen Beitrag ich nun leisten wollte an der Entwicklung des grösseren Ganzen. Es ist das Erwachen und die Freude am Tun, die mich bewegt. Das Wissen, dass ich im Einklang mit meinen Werten lebe und meine Talente und Fähigkeiten weiterhin ausprobiere und weiterentwickle.
Und dein Wendepunkt?
Wendepunkte lassen sich selten planen. Aber man kann lernen, sie zu erkennen – und ihnen die Aufmerksamkeit zu geben, die sie brauchen, statt an ihnen vorbeizulaufen.
Vielleicht steckst du gerade selbst in so einem Moment: vor einer Nachfolgeregelung, nach einem Rückschlag, nach einem einschneidenden Ereignis, das von aussen kam, oder an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Dann lohnt es sich, innezuhalten und dir dieselben Fragen zu stellen, die mich all die Jahre begleitet haben: Was ist mir wirklich wichtig? Wessen Traum lebe ich gerade? Und was würde sich verändern, wenn ich mir erlaube, wirklich loszulassen, was nicht mehr trägt?
Genau an diesen Fragen setze ich in meiner Arbeit mit Führungskräften und Unternehmer:innen an, die an einem solchen Wendepunkt stehen. Wenn dich das anspricht – lass uns sprechen. Mehr Info unter Wendepunkt und Neuorientierung
