Gedanken zu einem Symposiumsbeitrag
Menschen suchen nach Sicherheit und versuchen, Unsicherheit zu reduzieren – sei es durch Religion, Rituale, Astrologie, Wissenschaft, Versicherungen, medizinische Vorsorge, Daten und Prognosen.
Unsicherheit auszuhalten ist nämlich nicht nur schwierig, sondern meines Erachtens bis zu einem gewissen Grad auch unnötig, wenn es die Möglichkeit der Absicherung gibt. Unsicherheit erzeugt oft Angst, konfrontiert uns mit unserer Verletzlichkeit und mit der Möglichkeit des Kontrollverlusts. Deshalb sind wir sehr offen für alles, was uns Sicherheit verspricht: mehr Regeln, mehr Überwachung, mehr Daten, mehr Experten, mehr Diagnostik.
In Vorbereitung auf unser Symposion habe ich das Buch Risiko von Gerd Gigerenzer gelesen. Darin stellt Gigerenzer eine unbequeme Frage: Was, wenn uns mehr Information nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führt? Was, wenn die Illusion von Sicherheit uns sogar unselbständiger macht?
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie Menschen auf der Suche nach mehr Sicherheit im Aussen sich selbst und ihrer Entwicklung im Weg stehen. Sie wollen erst handeln, wenn sie sicher sind, dass nichts schiefgeht. Sie suchen nach Anerkennung und Bestätigung im Aussen – und sind dafür bereit, sich selbst bis zum Äussersten anzupassen und sich dem Urteil anderer zu unterwerfen. Sowohl im beruflichen wie im Beziehungsleben spielt dieses Thema, und die damit verbundene Angst des Nicht-Dazugehörens, eine grosse Rolle. Sie suchen im Aussen nach einer Sicherheit und Bestätigung – dass sie ok sind –, die es letztlich nicht geben kann.
Was Risikokompetenz bedeutet
Gigerenzer spricht von „Risikokompetenz“. Damit meint er mehr als Intelligenz oder Fachwissen. Risikokompetenz bedeutet für ihn: mit Situationen umgehen zu können, in denen nicht alle Risiken bekannt sind – und nicht alles berechnet werden kann.
Viele Entscheidungen im Leben finden nun mal nicht unter Sicherheit statt, sondern unter Unsicherheit. Und hier liegt ein wichtiger Unterschied: Unter Risiko kennen wir Wahrscheinlichkeiten. Unter Ungewissheit nicht.
In unserer modernen Gesellschaft tun wir allerdings oft so, als wäre alles berechenbar, kontrollierbar oder abgesichert. Genau darin sieht Gigerenzer eine gefährliche Illusion.
Warum Menschen Risiken schlecht einschätzen
Gigerenzer zeigt in seinem Buch auf, dass die meisten Menschen – einschliesslich der Experten – Mühe haben, Wahrscheinlichkeiten richtig zu verstehen. Ein klassisches Beispiel ist die Verwechslung von relativen mit absoluten Zahlen.
Die Meldung lautete: „Die Antibabypille der 3. Generation verdoppelt das Thromboserisiko“ (Grossbritannien). Das klang dramatisch und verunsicherte viele Frauen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich das damals verunsicherte, weil meine Tochter gerade mit der Pille begonnen hatte.
Aber was heisst diese „Verdoppelung“ konkret? Bei 7000 Frauen bekam mit der älteren Pille eine Frau eine Thrombose. Mit der neuen Pille waren es zwei Frauen. Das relative Risiko stieg um 100 Prozent – das absolute Risiko jedoch „nur“ um eine zusätzlich Betroffene auf 7000 Frauen.
Die Folge dieser medialen Warnung: zigtausende zusätzliche, ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen. Dabei stellten gerade Schwangerschaft und Abtreibung ein sehr viel höheres Thromboserisiko dar. Die eigentliche Gefahr lag also nicht nur im medizinischen Risiko, sondern in der Art der Kommunikation.
Gigerenzers Kritik lautet deshalb: „Wer Risiken kommuniziert, beeinflusst Entscheidungen und hat eine dementsprechende Verantwortung.“ Die Darstellung von Zahlen ist nie neutral. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „1 von 1000 Menschen stirbt“ oder „999 von 1000 überleben.“
Angst ist ansteckend
Gigerenzer beschreibt auch sehr eindrücklich, wie Angst unsere Wahrnehmung verändert und wie wir auf Schockereignisse besonders reagieren. „Terroristen benutzen unser Gehirn zweimal“, ist eine seiner Aussagen.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stiegen viele Menschen vom Flugzeug aufs Auto um und fuhren riesige Strecken – obwohl das Flugzeug statistisch wesentlich sicherer ist. Die Folge: deutlich mehr Menschen starben im Strassenverkehr als durch den Terror selbst.
Unser Gehirn reagiert auf Schockereignisse stärker als auf Statistiken. Wir entscheiden in solchen Momenten nicht rational, sondern defensiv. Medien verstärken diese Dynamik zusätzlich – ein Flugzeugabsturz erzeugt mehr Aufmerksamkeit als tausende Verkehrstote.
Angst verkauft sich, und Angst macht Menschen bereit, Freiheit gegen Sicherheit einzutauschen: mehr Kontrolle, mehr Überwachung, mehr Vorschriften – oft ohne zu hinterfragen, ob die Anordnungen der Sicherheit tatsächlich dienen.
Wenn ich an die Arbeit in meiner Praxis denke, aber auch an die Zeit der Pandemie, beschäftigt mich weniger, ob eine Angst berechtigt ist – sie ist da, ob berechtigt oder nicht, und ist ein Reaktionsmuster. Viel mehr beschäftigt mich, was Angst mit unserem Denken macht. Wie wir aus tiefen emotionalen Mustern heraus zu reagieren beginnen, ganz unabhängig von unseren intellektuellen Fähigkeiten. Und wie Angst auch im Kollektiv Reaktionen hervorruft, bei denen man sich im entspannten Zustand fragt: Was ging denn hier ab?
Die Illusion der vollständigen Kontrolle
Gigerenzer kritisiert bei seinen Beispielen nicht nur Medien oder Politik, sondern ganz besonders auch Experten – vor allem im medizinischen und im Finanzsektor.
Denn obwohl dort mit hochkomplexen Modellen, Statistiken und Prognosen gearbeitet wird, liegen Experten erstaunlich oft falsch. Finanzkrisen wurden nicht vorhergesehen, Wirtschaftsprognosen ständig revidiert, Börsenentwicklungen bleiben unberechenbar. Trotzdem erzeugen ihre Zahlen und Modelle oft den Eindruck von Kontrolle.
Als die UBS während der Bankenkrise gerettet werden musste, hörte ich von einem Bankier: „Kein Problem, das hätten wir locker auch ohne Staat hingekriegt.“
Einfache Regeln statt Kontrollillusion
Gigerenzer erinnert an die Aussage von Albert Einstein: „Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen – aber nicht einfacher.“ Ein zentraler Gedanke von Gigerenzer lautet: In einer ungewissen Welt sind einfache Regeln oft hilfreicher als komplexe Berechnungen. Er nennt diese Regeln „Heuristiken“ – Faustregeln.
Ein Beispiel aus der Luftfahrt: Ein Pilot in einer Notsituation hat keine Zeit für Berechnungen. Er braucht klare Orientierungspunkte. Wenn der Tower im Cockpitfenster nach oben wandert, reicht es nicht mehr für die Landebahn.
Gigerenzers These lautet: Komplexe Probleme brauchen nicht immer komplexe Lösungen. Mehr Information führt nicht automatisch zu besseren Entscheidungen – sie kann sogar das Gegenteil bewirken: Überforderung, Verwirrung, Handlungsunfähigkeit.
In meiner Praxis werde ich immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Und woher kommt dieses Verhaltensmuster? Ich muss herausfinden, woher das Muster kommt, bevor ich etwas verändere.“ Ist das so? Was verändert mehr Information über die Ursache an der Tatsache, dass du etwas verändern willst oder brauchst? Was nützt dieses ständige Selbst-Reflektieren, wenn es nicht dazu dient, konkret zu handeln und umzusetzen?
Fehlerkultur und defensive Systeme
Sehr interessant ist Gigerenzers Blick auf Fehlerkulturen, defensive Systeme und Risiko. Er vergleicht dabei die Luftfahrt mit der Medizin.
In der Luftfahrt wird jeder Fehler analysiert – nicht um Schuldige zu suchen, sondern um daraus zu lernen. In der Medizin hingegen werden Fehler häufig vertuscht, unter anderem aus Angst vor Klagen.
Gigerenzer spricht von einer „defensiven Medizin“: Ärzte verordnen zusätzliche Tests, Überweisungen oder Eingriffe, nicht unbedingt weil sie sinnvoll sind, sondern um sich rechtlich abzusichern. Mehr Diagnostik bedeutet nicht unbedingt bessere Medizin. Manchmal bedeutet es einfach mehr Angst, mehr Unsicherheit und mehr Kosten.
Ein eindrückliches Gegenbeispiel war die Einführung einfacher Checklisten auf Intensivstationen: Mit wenigen klaren Schritten konnten Infektionen massiv reduziert werden – ohne neue Hightech-Systeme.
Wo ich Gigerenzer kritisch sehe
Gigerenzer ist in vielen seiner Gedanken überzeugend – an manchen Stellen jedoch zu stark vereinfachend.
Er kritisiert Experten sehr scharf, vor allem in Medizin, Pharmaindustrie, Banken und Versicherungen. Dadurch entsteht der Eindruck, Experten seien grundsätzlich nicht vertrauenswürdig. Er fokussiert auf die Negativbeispiele und kreiert damit in seinem Buch genau das, was er an den Experten kritisiert – es ist eben immer eine Frage der Darstellung.
Wenn ich Institutionen und Fachleuten nicht mehr vertrauen kann, was dann? Woran orientiere ich mich dann – an Statistiken, die zu meiner Überzeugung passen? Die Pandemie war meines Erachtens ein Paradebeispiel dafür: Menschen fanden Zahlen, die zu ihrer Überzeugung passten und ihre Sicht bestätigten. Zahlen allein führen eben nicht automatisch zu guten Entscheidungen.
Die eigentliche Frage: Wie lernen Menschen, Unsicherheit auszuhalten?
Risikokompetenz ist nicht nur eine Frage des Statistikverständnisses. Sie ist auch eine psychologische Fähigkeit. Nicht jeder Mensch kann gleich gut mit Unsicherheit leben. Manche brauchen sehr viel Kontrolle, andere verdrängen Risiken völlig, wieder andere verlieren sich in Angst.
Deshalb reicht es meines Erachtens nicht, Menschen nur Wahrscheinlichkeiten beizubringen. Wir müssen auch lernen, Unsicherheit emotional auszuhalten – Resilienz zu fördern.
Alles ist in ständiger Veränderung: Beziehungen, Investitionen, Gesundheit, politische Verhältnisse – das Leben selbst ist Veränderung. Nichts ist vollständig kontrollierbar. Und ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns dessen immer wieder bewusst sind, auch wenn wir es uns manchmal anders wünschen würden.
Was echte Risikokompetenz vielleicht bedeutet
Für mich persönlich bedeutet Risikokompetenz heute:
- Wahrscheinlichkeiten besser verstehen zu lernen
- Angst nicht automatisch zu glauben
- Informationen kritisch zu hinterfragen
- Verantwortung nicht an Experten zu delegieren
- Entscheidungen vereinfachen zu dürfen
- und gleichzeitig zu akzeptieren, dass es keine vollständige Sicherheit gibt
Ich habe irgendwann einmal den Spruch gelesen: „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern den Schritt trotzdem zu tun.“ So könnte ich das abwandeln in: Risikokompetenz bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Unsicherheit urteils- und handlungsfähig zu bleiben.
Gigerenzer schliesst sein Buch mit der Forderung, dass Risikokompetenz an Schulen vermittelt wird – am besten bereits in der Primarschule. Kinder sollen lernen, Wahrscheinlichkeiten zu verstehen, Medien kritisch zu lesen, Risiken einzuschätzen, digitale Informationen zu hinterfragen und Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. Nicht nur Algebra und Geometrie, sondern mehr lebensnahe Entscheidungsfähigkeit.
Diese Forderung finde ich sehr unterstützenswert. Meines Erachtens ist es wichtig, dass schon Kinder lernen, dass Unsicherheit zum Leben gehört und uns nicht zu bremsen braucht – sondern im Gegenteil anspornen kann, Grossartiges zu leisten, zu entwickeln, zu erfinden und zu entdecken. Ohne Unsicherheit und die Bewältigung dessen wäre unsere Gesellschaft nicht an diesem Punkt der Entwicklung, an dem sie heute steht.
Wenn dich die Frage beschäftigt, wie du selbst urteils- und handlungsfähig bleibst, auch wenn nicht alles kontrollierbar ist – ich begleite dich gerne dabei, deinen eigenen Umgang mit Unsicherheit zu finden.
