· Nachfolge und Übergabe

Nach dem Firmenverkauf: Wer bin ich ohne mein Unternehmen?

Wer bin ich, wenn mein Unternehmen nicht mehr meines ist?

Diese Frage stellen sich viele Unternehmerinnen und Unternehmer erst spät. Zunächst stehen andere Themen im Vordergrund: Wer übernimmt? Wie gelingt die Übergabe? Was muss finanziell, rechtlich und organisatorisch geregelt werden?

Doch neben der Zukunft des Unternehmens braucht auch die eigene Zukunft Aufmerksamkeit. Wer über Jahre aufgebaut, entschieden und Verantwortung getragen hat, gibt nicht nur eine Funktion ab. Mit der Übergabe verändert sich oft auch ein wesentlicher Teil der eigenen Identität – und das zeigt sich meist erst, wenn die Schlüssel bereits übergeben sind.

Ein Titel schafft noch keine Klarheit

Als ich eines meiner Unternehmen verkauft hatte, vereinbarten wir, dass ich den Übergang begleite. Das klang einfach und einvernehmlich. Im Alltag zeigte sich bald: Wir hatten dasselbe Wort benutzt, aber nicht dasselbe gemeint.

Ich wollte aktiv mitgestalten – die neuen Eigentümer wollten mich rufen, wenn sie in einer schwierigen Situation Rat brauchten. Ich wollte meine Erfahrung einbringen – sie wollten eigene Erfahrungen machen, lernen und manches bewusst anders angehen. Und bei einem Konflikt im Team stellte sich plötzlich die Frage: Mische ich mich ein, oder halte ich mich zurück?

Genau diese Muster begegnen mir seither immer wieder in meinen Coachings und Mentorings. Ob Verwaltungsratspräsidium, Beirat oder Beratungsmandat: Solche Funktionen können nach einer Übergabe sinnvoll sein. Ein Titel beantwortet jedoch nicht die entscheidenden Fragen – wer was entscheidet, wie viel Präsenz erwünscht ist und was geschieht, wenn die Meinungen auseinandergehen.

Bleiben diese Fragen offen, entstehen leicht Spannungen. Die neue Führung trägt die Verantwortung, muss sich ihre Entscheidungsfreiheit aber immer wieder erkämpfen. Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden oder Lieferanten wissen nicht recht, an wen sie sich wenden sollen. Und die bisherige Unternehmerin oder der bisherige Unternehmer möchte helfen – und erlebt zugleich, dass die eigene Erfahrung weniger gefragt ist als erwartet.

Deshalb lohnt es sich, die künftige Rolle vor der Übergabe zu klären – nicht erst dann, wenn Missverständnisse bereits entstanden sind.

Der 90-Tage-Test: zwei einfache Fragen

Ein guter Einstieg in diese Klärung ist ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen Sie sich dafür eine ruhige Stunde und beantworten Sie zwei Fragen schriftlich.

Die erste Frage betrifft das Unternehmen:

«Was würde geschehen, wenn ich ab morgen 90 Tage nicht erreichbar wäre?»

Welche Entscheidungen würden stocken? Welches Wissen wäre nicht zugänglich? Wer würde Verantwortung übernehmen – und wer würde warten? Die Antworten zeigen, wo das Unternehmen noch zu stark von Ihnen abhängt und was vor der Übergabe noch geregelt werden sollte.

Die zweite Frage betrifft Sie selbst:

«Was würde mir in diesen 90 Tagen am meisten fehlen?»

Vielleicht die Menschen. Vielleicht die Herausforderung. Vielleicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Oder die Struktur, die der Alltag bisher gegeben hat. Diese Antworten sind mindestens so wichtig wie die ersten, denn sie zeigen, welche Bedürfnisse auch nach der Übergabe einen Platz brauchen – im Unternehmen oder anderswo. Wer sie kennt, muss sie nicht unbewusst über die alte Firma stillen.

Eine Rollenvereinbarung für die Zeit danach

Aus den Antworten kann eine persönliche Rollenvereinbarung entstehen. Sie gibt Orientierung für die Zeit nach der Übergabe und hilft, Erwartungen auszusprechen, bevor sie zu Enttäuschungen werden. Folgende Fragen sind dabei hilfreich:

  • Welche Aufgaben möchte ich weiterhin übernehmen – und welche gebe ich bewusst ab?
  • Welche Entscheidungen liegen künftig vollständig bei der Nachfolgerin oder beim Nachfolger?
  • Wie viel Präsenz ist hilfreich, und wie ist sie vereinbart?
  • Wie verhalte ich mich, wenn anders entschieden wird, als ich es tun würde?
  • Welche Beziehungen und Tätigkeiten geben mir ausserhalb des Unternehmens Sinn, Zugehörigkeit und Wirksamkeit?

Diese Vereinbarung ist zuallererst eine Orientierung für Sie selbst. Soweit sie das Unternehmen betrifft, sollte sie mit der Nachfolge und den zuständigen Gremien abgestimmt werden. Legen Sie auch einen Zeitpunkt fest, an dem Sie die Vereinbarung gemeinsam überprüfen – etwa nach sechs Monaten. Was auf dem Papier stimmig wirkt, muss sich im Alltag erst bewähren.

Den eigenen Wendepunkt gestalten

Eine Übergabe kann Erleichterung bringen – und gleichzeitig Unsicherheit, manchmal auch Trauer auslösen. All das darf nebeneinander stehen. Nach vielen Jahren Verantwortung muss die nächste Lebensphase nicht sofort fertig geplant sein. Sie braucht aber Aufmerksamkeit, Sprache und bewusste Entscheidungen.

In meinem Coachingprogramm «Wendepunkt» begleite ich Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte bei Nachfolge, Verkauf, Rückzug und persönlicher Neuorientierung. Wir betrachten Ihre Werte, Ihre Bindung an die bisherige Aufgabe und Ihre Wünsche für die Zukunft. Daraus entwickeln wir konkrete nächste Schritte und ein klares Bild Ihrer künftigen Rolle – im Unternehmen und in Ihrem Leben.

In diese Begleitung fliessen meine eigene Erfahrung mit dem Aufbau, der langjährigen Leitung und dem Verkauf meines Ausbildungsinstituts ein, ebenso wie über 40 Jahre Erfahrung als Coach und Therapeut.

Serie: Unternehmensnachfolge – der persönliche Weg

Teil 1 – Vor dem Verkauf: Warum Firmenverkäufe oft am Verkäufer scheitern
Teil 2 – Bei der Übergabe: Nach dem Firmenverkauf: Wer bin ich ohne mein Unternehmen?
Teil 3 – Danach: Wendepunkte: Was nach dem Loslassen kommt

Wendepunkt – Begleitung für Unternehmer:innen im Übergang

Ob Sie einen Verkauf vorbereiten, mitten in der Übergabe stecken oder sich fragen, wie es danach weitergeht: In «Wendepunkt» klären wir, was Ihnen wichtig ist, welche Rolle Sie künftig einnehmen möchten und welche nächsten Schritte stimmig sind. Persönlich, vertraulich und mit der Erfahrung eines Unternehmers, der diesen Weg selbst gegangen ist.

Kostenloses Erstgespräch vereinbaren · Mehr über Wendepunkt

Gerhard Schobel, Coach und Mentor

Gerhard Schobel
Coach, Trainer, ehem. Institutsleiter, Unternehmer
16 Jahre angestellt als psych. Krankenpfleger und Suchttherapeut
seit über 35 Jahren Unternehmer, Gründer und langjähriger Leiter eines Ausbildungsinstituts für Coaching und Psychotherapie
Aufbau verschiedener Projekte und Unternehmen