Gedanken zu einem Referat
Über Erfolg wird viel gesprochen und geschrieben – auch eine ganze Menge Unsinn. Über das Scheitern dagegen kaum. Es bleibt, im privaten wie im beruflichen Umfeld, ein grosses Tabuthema.
Den Sinn im Scheitern gibt es nicht von selbst. Scheitern ist zunächst schlicht eine unangenehme Tatsache. Aber wenn wir uns schon mit dem Unvermeidlichen beschäftigen müssen, können wir ihm auch einen Sinn geben. Das klingt banal, ist es aber nicht: Niemand steht morgens auf mit dem Vorsatz, heute zu scheitern – und trotzdem ist Scheitern eine zutiefst menschliche Erfahrung.
Vom Wortstamm her bedeutet Scheitern so viel wie „in Stücke zerbrechen“, auseinanderfallen in einzelne Scheite. Die Frage ist: Was bricht da eigentlich auseinander? Meistens ist es nicht unsere Existenz – sondern die vermeintliche Wahrheit unserer Konzepte und Lebensstrategien.
Mein grösstes Scheitern
Als mein Ausbildungsinstitut und meine Praxis gut liefen, entschied ich mich, ein Franchiseunternehmen im Bereich Businesstraining zu kaufen. Drei Jahre und grosse persönliche wie finanzielle Verluste später musste ich mir eingestehen: Ich war nicht dafür geeignet, „Trainingskonserven“ zu verkaufen. Ich hatte mich hineingekniet, mich angestrengt – und war lange nicht bereit, das investierte Geld einfach abzuschreiben. Mein Treuhänder hatte mir schon ein Jahr zuvor gesagt: „Herr Schobel, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Als ich das Projekt schliesslich beendete, atmete er hörbar auf. Beinahe hätte ich in diesem Abenteuer auch mein Institut und meine Praxis verloren.
Genau dieser Punkt – das Hinterherhecheln, das Schönreden, das Nicht-loslassen-Können – ist es, der uns oft am längsten vom eigentlichen Sinn des Scheiterns fernhält.
Warum wir an Verlusten festhalten, statt sie anzuerkennen
Gary Smith, Mark Levere und Rachel Kurtzman untersuchten das Verhalten von Pokerspielern nach grossen Gewinnen und grossen Verlusten. Ergebnis: Selbst hochrationale, professionelle Spieler reagieren nicht bei einem guten Blatt am emotionalsten – sondern nach grossen Verlusten. Unser Gehirn betrachtet verlorenes Geld noch immer als das eigene und neigt dazu, hohe Risiken einzugehen, um es zurückzugewinnen. Nicht der Verlust selbst führt in die endgültige Niederlage, sondern die Verleugnung des Verlustes.
„Ein Mensch, der mit seinen Verlusten keinen Frieden geschlossen hat, tendiert dazu, Risiken einzugehen, die für ihn andernfalls nie akzeptabel wären“, schreiben die Wirtschaftspsychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky. Dasselbe Muster kennen wir aus dem Aktienhandel: Wer mit einer Position viel Geld verloren hat, hält oft daran fest, in der Hoffnung, dass sich das Blatt noch wendet – während gut gelaufene Positionen viel bereitwilliger verkauft werden. Keine gute Anlagestrategie. Und im Unternehmen nicht anders: Wer Scheitern zu eng betrachtet, schreibt es einzelnen Personen zu und übersieht das System dahinter.
„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, sagte Albert Einstein. Der Sinn im Scheitern liegt genau hier: uns zu helfen, bestehende Grenzen zu erkennen, zu hinterfragen – und die Konsequenzen daraus zu ziehen, statt weiter schönzureden.
Scheitern, das uns festhält – und Scheitern, das uns weiterbringt
In meiner Arbeit sehe ich zwei sehr unterschiedliche Wirkungen von Scheitern.
Die eine dient dem Erhalt des Status quo. Eine junge, sehr intelligente Klientin kam einst zu mir, weil sie an ihrer Abschlussprüfung gescheitert war und etwas gegen ihren Prüfungsstress unternehmen wollte. Es zeigte sich: Sie stammte aus einer einfachen Handwerkerfamilie und befürchtete unbewusst, mit einem akademischen Abschluss nicht mehr in ihr vertrautes Umfeld zu gehören – in der akademischen Welt fühlte sie sich gleichzeitig auch nicht zuhause. Ihr Scheitern war der unbewusste Versuch, dazwischen keine Entscheidung treffen zu müssen. Es hatte nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun.
Die andere Art von Scheitern öffnet uns für das grössere Ganze. Immer wieder erlebe ich in meiner Praxis Menschen, die äusserlich alles erreicht haben und sich plötzlich fragen: Was ist der Sinn meines Lebens? Wofür tue ich das eigentlich? Sie haben ihre Ziele erreicht und sind doch irgendwie gescheitert – an einer inneren Leere. Genau diese Erfahrung stösst dann eine tiefere Suche an: nach dem, was wirklich zählt, jenseits der nächsten Zielmarke.
„Ein Misserfolg war es nicht. Denn wenigstens kenne ich jetzt 2000 Möglichkeiten, wie ein Kohlefaden nicht zum Leuchten gebracht werden kann“, soll Thomas Edison gesagt haben. Es ist immer eine Frage der Definition, was wir als Scheitern werten.
Ohne Vision ist Scheitern kaum zu überwinden
Ein früherer deutscher Bundeskanzler meinte einmal: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Ich sehe es umgekehrt: Wer keine Visionen hat, sollte sich Unterstützung holen. Jeder Architekt hat zuerst eine Vision vom Haus, bevor er den Plan zeichnet. Scheitern fordert uns dazu auf, diese Vision zu überprüfen, neu zu kalibrieren – nicht, sie aufzugeben. Ohne Vision oder Ziel wird die Überwindung des Scheiterns fast unmöglich; dann fühlen sich Menschen in ihrem Elend gefangen und orientierungslos.
Was mir im Umgang mit Scheitern und Erfolg hilft
- Arbeiten Sie visionär, aber halten Sie nicht starr an einem einzigen Weg fest – es gibt viele Wege nach Rom.
- Lassen Sie zu, dass ein grosser Teil Ihrer Versuche scheitert, und fördern Sie dafür grosszügige, kleine Experimente.
- Gestehen Sie sich Niederlagen rechtzeitig ein, statt ihnen hinterherzuhecheln.
- Fordern Sie ehrliche Rückmeldungen ein, und ermutigen Sie andere, Fehler offen anzusprechen, statt den Überbringer schlechter Nachrichten zu bestrafen.
- Angst vor dem Scheitern verhindert den Erfolg – wer nie etwas riskiert, kann auch nichts gewinnen.
- Orientieren Sie sich an Menschen, die Grosses erreicht haben, nachdem sie zuvor oft und lange gescheitert sind. Erfolgreiche Menschen scheitern nicht seltener als andere – sie stehen nur ausdauernder wieder auf.
„Hinfallen ist keine Schande. Liegenbleiben schon.“
Scheitern braucht Mut: den Mut, sich einzugestehen, dass man ein Ziel nicht erreicht hat. Und den Mut, wieder aufzustehen, nachzudenken und einen neuen Weg auszuprobieren.
Steckst du gerade selbst in einem Scheitern, das sich noch nicht wie ein Anfang anfühlt? Ich begleite dich gerne dabei, seinen Sinn für dich zu finden.
