Januar 1, 2026 · Übergänge

Die Gnade der Vergänglichkeit

Was uns das Sterben über das Leben lehrt – Gedanken zu einem Symposiumsbeitrag

Die Verweigerung von Abschied, Tod und Vergänglichkeit ist eine zentrale Ursache psychischen Leidens. Im Loslassen dagegen wird eine tiefe Gnade und Heilung möglich. Das ist die Erfahrung, die ich in diesem Beitrag teilen möchte – etwas, das sich für mich im Verlauf der Zeit als völlig selbstverständlich entwickelt hat, so selbstverständlich, dass es nicht leicht ist, dafür die richtigen Worte zu finden.

Als Kind hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Eine Nachbarin verstarb, und ich war fasziniert vom Geheimnis des Todes. Wenn ein Mensch stirbt, bleibt der unbelebte Körper zurück – aber wo ist das, was ihn zuvor lebendig gemacht hat? Diese frühe Begegnung legte den Samen für meine lebenslange Suche nach dem Wesentlichen.

Später, als Krankenpfleger und Suchttherapeut, kam ich immer wieder mit dem Tod in Berührung. In den letzten Jahren rückt er näher – durch den Tod meiner Eltern und nahestehender Menschen. Besonders im Sterbeprozess meiner Mutter habe ich gesehen, wie schwer es fallen kann, den Tod als Realität anzunehmen: Sie litt vier Jahre an Krebs, war aber bis zuletzt nicht bereit, darüber zu sprechen. Mein Vater weigerte sich ebenso, mit ihr oder mit uns Söhnen über ihren bevorstehenden Tod zu reden – er nahm ihr stattdessen Kassetten mit Heilungsimaginationen auf und warf ihr vor, ihren eigenen Heilungsprozess zu sabotieren.

In unserer westlichen Gesellschaft wird der Tod oft ausgegrenzt. Man spricht nicht darüber, verlängert das Leben mit allen Mitteln und verlagert das Sterben aus dem eigenen Zuhause in Kliniken und Heime, weit weg von unserem Alltagsbewusstsein.

Das Tabu des Todes

Eine meiner therapeutischen Grundannahmen lautet: Schmerz und Leiden entstehen häufig durch nicht vollzogenen Abschied. Süchte, Krankheiten und neurotische Entwicklungen sind oft Ergebnisse davon. Wir leiden nicht nur am Tod selbst – wir leiden oft an unserer Weigerung, ihn zuzulassen.

Alles um uns herum verläuft in Zyklen, auch unsere körperliche und persönliche Entwicklung. Um zu der Person zu werden, die ich bin, brauche ich frühere Stadien loszulassen. Je besser mir diese Aussöhnung mit der Realität gelingt, desto leichter fällt es mir, mich dem Leben und seinen Möglichkeiten in der Gegenwart zuzuwenden.

Verdrängung als Ursache seelischen Leidens

Sigmund Freud beschrieb in seinem Aufsatz „Trauer und Melancholie“, dass Melancholie nicht einfach Traurigkeit ist, sondern der Ausdruck einer nicht vollzogenen Trauer: Die Trauer anerkennt den Verlust, die Melancholie verweigert ihn – und die emotionale Energie, die eigentlich dem Verlorenen gelten sollte, wendet sich gegen das eigene Ich.

Jacob Needleman schreibt in Die Seele der Zeit, unsere moderne Neurose entstehe aus dem „endlosen, mechanischen Abspielen innerer Szenen“. Diese inneren Filme rauben uns Präsenz und Lebendigkeit. Der Schmerz liegt also nicht nur im Verlust selbst, sondern im Nicht-loslassen-Können, in der Angst, das Bekannte aufzugeben. Wir halten an gewohnten Mustern – der Rolle des Opfers, des Täters, des Retters – fest, obwohl sie uns Leiden verursachen, weil sie uns eine scheinbare Stabilität geben.

Der Tod als Voraussetzung für Heilung

Nur der Tod der einen Bewegung ermöglicht mir die nächste Bewegung. Pema Chödrön schreibt in Wenn alles zusammenbricht: „Nur in dem Masse, in dem wir uns wieder und wieder der Vernichtung anheimgeben, können wir das Unzerstörbare in uns entdecken.“ Ohne ein inneres Sterben kann kein wirklich neues Leben entstehen.

In der therapeutischen Arbeit des alten Hawaii wurde die zu behandelnde Person zuerst gefragt, ob sie bereit sei zu sterben. Anfangs fand ich das befremdlich – bis ich verstand, dass es um die alte Identität ging. Solange ein Mensch nicht bereit ist, seine bisherige Identifikation loszulassen, kann therapeutische Arbeit wenig bewirken. Die Bereitschaft zur inneren Aufgabe von Kontrolle, Ego und alten Haltungen ist eine tiefe Form der Reifung. Ohne sie bleibt Entwicklung oberflächlich.

Warum wir uns so schwer damit tun, loszulassen

Needleman unterscheidet zwei Arten von Zeit: die Zeit des Unbelebten, der Maschinen – linear, kontrollierbar gedacht – und die Zeit des Herzens. Unsere Gesellschaft befindet sich, schreibt er, in einer „Zeit-Pathologie“: Wir versuchen mit unseren Gedanken die Zukunft vorherzusehen und zu steuern. „Die Zeit des Herzens verbindet die strenge Welt von Logik und Gesetz mit der milden Welt des Geltenlassens und Verzeihens. Vergeben heisst neu anfangen, Urteilen heisst beenden.“ Das Leiden unseres modernen Lebens liegt für Needleman darin, dass wir vor allem in der Zeit des Urteils leben, in der alles auf sein Ende zufliesst.

In dieser linearen Zeit fällt es Menschen schwer, loszulassen. Wir halten fest an Vergangenheit, an Traumata, an Erfahrungen des Mangels – und wiederholen sie deshalb in einer inneren Endlosschleife, nur um an unserer bisherigen Identität festzuhalten. Nur im gegenwärtigen Moment erleben wir uns wirklich verbunden – etwa in einem Autounfall oder in völliger Vertiefung, wenn Minuten sich wie eine Ewigkeit anfühlen. Diese absolute Präsenz kann zugleich Angst machen, weil sie einen Verlust an Kontrolle bedeutet, und uns doch endlich in unserer Realität ankommen lässt.

Eine sehr gute Lehrerin dafür war mir, neben meinen Klientinnen und Klienten, meine Frau Katharina. Wir hatten in unserer Ehe grosse Krisen zu bestehen, viele davon rund um meine eigenen Vorstellungen, wie eine Beziehung zu funktionieren habe. Sie hat mich – mit ihrer eigenen Klarheit – immer wieder herausgefordert, alte Vorstellungen loszulassen, das Opferspiel und die inneren Dramen sein zu lassen, um stattdessen mehr im gegenwärtigen Moment anzukommen.

Abschied als Praxis

Was wäre, wenn wir Abschied nicht als Verlust verstehen würden, sondern als bewusste Praxis, als natürlichen Teil des Wachstums? Die Natur zeigt es uns täglich: Der Abschied von der Nacht ist die Ankunft des Tages, der Abschied von einer Jahreszeit die Geburt der nächsten. Frühere Kulturen kannten Rituale für die Übergänge wichtiger Lebensphasen, eingebunden und gefeiert in der Gemeinschaft.

In der hawaiianischen Kultur gibt es die Praxis des Ho’oponopono – oft missverstanden als schneller Trick zur Problemlösung. Ho’oponopono heisst so viel wie „die Dinge in Ordnung bringen“ und bedeutet, Kränkungen und Verletzungen offen anzusprechen und gemeinsam einen Weg zu finden, alte Geschichten loszulassen. Kein einfacher Prozess – aber ein sehr heilsamer. Alle unerledigten Geschichten binden Aufmerksamkeit und Energie und halten uns in der Vergangenheit fest, während Veränderung nur im Jetzt geschehen kann.

Das Nicht-Loslassen hat allerdings auch einen Nutzen: Ich muss die Verantwortung für mein Handeln nicht ganz übernehmen und kann meine Unausgeglichenheit an meiner Umgebung auslassen. Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit ist deshalb immer auch verbunden mit der Bereitschaft, erwachsen zu werden. Im Wort „erwachsen“ steckt für mich das Wort „erwachen“ – aus einem Traum, hinein in die Wirklichkeit.

Tod als Gnade, Einladung zur Lebendigkeit

Don Juan sagte einmal zu Carlos Castaneda über das Sterben: „Du brauchst dir um den Tod keine Gedanken zu machen. Er ist dein treuer Begleiter. Er steht stets hinter dir, gerade so weit weg, dass du ihn mit deiner Hand nicht erreichen kannst, aber er kann jederzeit nach vorne greifen und dich erreichen.“

Uns mit der Endlichkeit unseres Lebens zu konfrontieren, gibt uns mehr Freiheit, uns dem Leben zuzuwenden. Es lässt uns das Leben als Geschenk erfahren, gerade weil es nicht ewig ist. Der Tod wird zur Gnade, wenn wir ihn nicht verdrängen – er wird zum Lehrer, der uns mit den wahren Werten unseres Lebens konfrontiert. Vergänglichkeit ist kein Unglück, sondern das Prinzip der Wandlung, der Weisheit, der Dankbarkeit. Pema Chödrön schreibt: „Vergänglichkeit ist das Gute an der Wirklichkeit.“ Würden Dinge, Situationen, Erfahrungen nicht vergehen, gäbe es keinen Platz für Neues.

Der Tod ist nicht das Ende. Er ist die Grenze, an der wir das Leben neu begreifen. Er ist der Lehrer, der uns auffordert, das Wesentliche nicht länger aufzuschieben.

Wer den Tod nicht fürchtet, sondern achtet, beginnt wirklich zu leben. Vielleicht liegt genau darin die Gnade der Vergänglichkeit. Und vielleicht ist das der wichtigste Abschied: nicht vom Leben – sondern von der Illusion, dass wir ewig Zeit haben.


Wenn dich die Frage bewegt, was du nicht länger aufschieben willst – ich begleite dich gerne dabei, dem nachzuspüren.